Das Ende einer fahrenden Brennerei?

Lohnbrennerin Priska Schmid aus Holderbank erhält deutlich weniger Schnaps-Aufträge. Ihre Anlage bleibt seit dieser Saison zu Hause.

Artikel geschrieben von Lavinia Scioli, Bilder von Bruno Kissling


  • Der Tag von Priska Schmid beginnt früh. Gegen 5 Uhr morgens steht sie auf, kümmert sich um die Kühe, erledigt die anfallenden Arbeiten. In den letzten Wochen widmet sie sich danach noch einer weiteren Aufgabe: dem Brennen von Schnaps. An diesem Morgen sind es Äpfel, die gebrannt werden. Das vergorene Obst wartet bereits im Fass. Schmid macht sich an der Brennereianlage bereit für den nächsten Brand. Seit August 2005 arbeitet die 56-Jährige aus Holderbank als Lohnbrennerin. Die Fässer, die bei ihr landen, gehören vor allem ihren Kundinnen und Kunden. Für sich selbst brennt sie nur wenig. Bis letztes Jahr musste sie dafür allerdings nicht darauf warten, dass die Kundschaft zu ihr auf den Seblenhof kommt. Denn bis dahin war die Thalerin mit ihrer Brennerei fahrbar in der Region Thal/Gäu und in einem Teil im Oberaargau unterwegs. Ihre fahrbare Brennerei stammt aus dem Jahr 1972 und ist inzwischen in einem Alter, in dem die Sicherheit auf der Strasse nicht mehr gewährleistet werden kann. Eine neue fahrbare Anlage anzuschaffen, kommt für Priska Schmid nicht in frage. Die Investitionskosten wären enorm, erklärt sie. Hinzu kommt, dass sich das Geschäft und die Nachfrage verändert haben.

    Zwei Drittel weniger Aufträge
    65 Kundenaufträge hatte sie in diesem Jahr. «Das ist nichts im Vergleich zu anderen Jahren. Nicht mal ein Drittel.»

  • Früher seien häufiger grosse Fässer mit 100 oder 200 Kilogramm Früchten gekommen. Heute seien es eher kleinere – selbst bei Aufträgen von Bauern. Doch neben den abnehmenden Kundenaufträgen spielt auch die Natur eine Rolle: In diesem Jahr habe etwa der Hagel Ernten beschädigt. Viele der wenigen Früchte mussten bereits im unreifen Zustand geerntet werden. Sind Früchte unreif, kann Priska Schmid wiederum nicht die gewünschte Qualität brennen. Und dann kommt noch das Konsumverhalten der Leute hinzu: Heute werde weniger getrunken, erklärt sie. Schon nur, weil Alkohol und Autofahren nicht vereinbar sind. Ausserdem verzichte vor allem die heutige junge Generation immer mehr auf Alkohol. Dennoch: Jüngere Kundinnen und Kunden gibt es durchaus, wobei Schmid damit eher Personen ab 30 Jahren meint. Sie kennen das Brennen noch aus dem Elternhaus oder sind bereits im Besitz eines Eigenheims mit eigenen Obstbäumen im Garten. «Man muss mit der Zeit gehen», sagt sie mit Blick auf den veränderten Markt. Deshalb ist das «fahrbar» aus ihrem Brennereiangebot seit dieser Saison nicht mehr vorhanden. Auch wenn insgesamt weniger gebrannt wird, hat sich daran wenig geändert, was bei Schmid am häufigsten im Fass landet: Äpfel. Gerade die verschiedenen Sorten findet die 56-Jährige spannend, denn jede Sorte schmeckt im fertigen Brand unterschiedlich.

  • «Das Destillieren ist ein langsamer Prozess»
    Kirschen und Zwetschgen brennt die Thalerin mittlerweile weniger. Dafür werde aber der Quittenschnaps immer beliebter. Woran das liegt? Quittenschnaps sei eine Spezialität, die nicht überall angeboten werde, so Schmid. Die Kundinnen und Kunden bringen das mindestens acht Wochen gegärte Obst auf den Seblenhof, dann übernimmt Schmid. Und dann sind Geduld und Zeit gefragt: «Das Destillieren ist ein langsamer Prozess», merkt sie an. Rund zweieinhalb Stunden dauert ein Brand mit rund 100 Kilogramm Früchten. Am Ende bleibt ungefähr ein Zehntel der ursprünglichen Menge als Schnaps übrig. Dann wird filtriert und abgefüllt. Nach einem Monat Ruhezeit kann dann der Alkohol verköstigt werden. Wichtig ist laut Schmid, dass der Schnaps den Mund ausfüllt. Heisst: Es muss einen vollmundigen fruchtigen Geschmack geben. «Dafür ist die Qualität massgebend», sagt sie. Die diesjährige Brennsaison begann für Priska Schmid später als üblich. Wegen des Feuerverbots konnte sie erst verspätet mit dem Brennen beginnen. Voraussichtlich bis Mitte Oktober wird die Anlage nun laufen. In den Wintermonaten brennt Schmid nicht. Ihre Anlage verfügt über einen Dampfkessel, bei tiefen Temperaturen könnten die Leitungen einfrieren und dadurch Schäden an der Anlage entstehen. Wie geht es nun mit der Brennerei weiter? Und auch langfristig zeichnet sich ein Ende ab. Voraussichtlich Ende Oktober 2027 könnte Schmid ihren Betrieb einstellen. Sie wolle den anderen Brennereien in der Umgebung mehr Aufträge verschaffen. Es sei denn, es findet sich jemand, der ihren Betrieb übernehmen möchte. Damit würden für Priska Schmid mehr als zwei Jahrzehnte als Lohnbrennerin enden. «Man könnte Geschichten aufschreiben», sagt sie und lacht. In der Zeit habe sie interessante Gespräche geführt und den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden geschätzt. Noch aber steht die Brennerei in Holderbank nicht still. Priska Schmid wird in den nächsten Tagen weiter Fässer mit Stein- oder Kernobst brennen und darauf achten, dass am Ende die Qualität stimmt. Denn auch nach mehr als 20 Jahren gilt für sie: «Ohne Herzblut kann ich nicht arbeiten.»